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Menschen und der Bischof in der Kirche

MagdeburgDiakonweihe von Julian Allam

In einem festlichen Gottesdienst wurde Julian Allam auf seinem Weg zum Priesteramt von Bischof Gerhard Feige am 12. Juni 2026 in Magdeburg zum Diakon geweiht. Die Predigt des Bischofs lesen Sie hier.

Erscheinungsdatum: 11. Juni 2026

Gerufen, bekehrt und gesendet, um zu dienen
Predigt zur Diakonweihe von Julian Allam am 12. Juni 2026; Bischof Gerhard Feige
(1 Sam 3,1-10; Apg 9,1-19; Joh 10,1-11)

"Lieber Herr Allam, ein langer Weg liegt hinter Ihnen: von Indien nach Deutschland, von Magdeburg über Halle und Gardelegen nach Bamberg und Erfurt sowie anderen kurzzeitigen Ausbildungsorten und schließlich nach Merseburg. Heute aber nun, ist es so weit, wollen und sollen Sie im Hinblick auf Ihre Berufung zum priesterlichen Dienst zunächst zum Diakon geweiht werden. Dazu haben Sie selbst die drei biblischen Texte ausgesucht, die wir eben gehört haben. Was können sie Ihnen und uns sagen?

Betrachtet man die gegenwärtige Situation in Kirche und Gesellschaft, so kann sie kaum trefflicher beschrieben werden als mit den knappen Sätzen aus dem ersten Buch Samuel: „In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten. Visionen waren nicht häufig.“ In der Tat: Wer erwartet noch etwas vom Himmel oder könnte hilfreiche Impulse für die Zukunft geben? Scheinen sich nicht viel eher Perspektivlosigkeit und Lethargie wie eine dunkle Wolke über unser Lebensgefühl zu legen? Menschen, die Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen, sind rar geworden. Immer wieder hat Gott jedoch angesichts solcher Zustände und Erfahrungen – wie auch in der Berufungsgeschichte des Samuel zu erkennen ist – Propheten gerufen, damit sie dem müde gewordenen Volk aufzeigen, welche Vorstellungen Gott vom Menschen und unserer Erde hat und was dafür zu tun ist.

Könnte man bei aller Vorsicht und Behutsamkeit nicht auch zwischen der Lebensgeschichte des Samuel und Ihrer, lieber Herr Allam, manche Gemeinsamkeiten feststellen? Hat es nicht auch einige Zeit gedauert, bis Sie begriffen haben, dass Gott Sie tatsächlich ruft? Und brauchten Sie dazu nicht auch den Rat und die Hilfe anderer gläubiger Menschen, um das deuten zu können? Schließlich aber hat Gott sich Gehör verschafft, und Sie konnten antworten: „Rede, Herr, dein Diener hört“. Aber auch danach verlief vieles noch umständlich und kompliziert, waren der Weg lang und die Mühen groß, um den Anforderungen zur Ausbildung für einen Dienst als Diakon und dann als Priester in deutschen Verhältnissen gerecht zu werden. Damit aber, dass Sie bereit waren, auf Gott zu hören und seinem Ruf zu vertrauen, war der Dialog zwischen ihm und Ihnen eröffnet und hat Ihr weiteres Leben bestimmt. Möge er auch in Zukunft lebendig bleiben.

Und die sakramentale Weihe zum Diakon am heutigen Tag bestätigt, dass Gott Sie tatsächlich gemeint hat und dazu sendet, menschenfreundlich von ihm zu künden, Visionen aufzuzeigen und Hoffnungen zu wecken, zum Leben zu ermutigen und sich mit Leib und Seele für andere einzusetzen, den glimmenden Docht nicht auszulöschen und das geknickte Rohr nicht zu brechen. Und seien Sie gewiss: Wen Gott ruft, den lässt er auch nicht fallen, denn Gott ist getreu.

Im Deutschen gibt es die Formulierung: „Gott kann auch auf krummen Zeilen gerade schreiben.“ Das zeigt sich noch einmal auf ganz andere Weise als in der Episode mit Samuel in der Erzählung von der Bekehrung des Saulus zum Paulus. Betrachtet man die Motive, weswegen sich erwachsene Menschen in unserer Region heute taufen lassen, so sind sie sehr unterschiedlich. Für manche ist der christliche Glaube nicht völlig neu; es gab bereits früher schon Ansätze: eine gläubige Großmutter, die gebetet und ihnen von Gott erzählt hatte, oder sie waren noch getauft, dann aber nicht mehr weiter ins Christentum eingeführt worden. Auffällig ist, wie oft Schicksalsschläge und Krisen, Trauer und Schmerz hellhörig machen und zum Nachdenken bringen. Einige erzählen auch, auf Christen gestoßen zu sein, die auskunftsfähig und überzeugend sind; oder dass Gemeinden ihnen regelrecht entgegengekommen sind, sehr aufgeschlossen waren und ihnen auch weiterhin zur Seite stehen. Manche dieser Bekehrungsgeschichten sind einfach wunderbar, außergewöhnlich, nicht vorherzusehen und nicht zu planen. Unüberhörbar ist aber auch, dass der Widerstand der eigenen Familie, von Verwandten oder Freunden gegen eine solche Entscheidung zur Taufe und Aufnahme in die Kirche nach wie vor sehr groß sein kann. Dazu hat mich einmal ein junger Mann, durch dessen Adern nicht nur deutsches, sondern auch italienisches Blut fließt, angesprochen: Er könne gar nicht verstehen, wieso da so viel von Nöten, Erschütterungen und anderen äußeren Umständen die Rede gewesen sei. Wirke Gott nicht vielmehr direkter, persönlicher und positiver? Glücklicherweise fiel mir damals sofort der Sturz des Paulus vom Pferd ein. Und das verstand er: Gott spricht nicht nur in liebevollen Worten unvermittelt ins Herz; er kann auch jemanden aus der Bahn werfen, um ihn zu bekehren und als Zeugen seiner Erlösung zu gewinnen.

Sich Gott bewusst zuzuwenden, heißt dann aber – wie bei Paulus deutlich wird – auf jeden Fall, sich von anderem zu verabschieden, den alten Menschen abzulegen und mit Gottes Hilfe den nach seinem Bild geschaffenen neuen Menschen anzuziehen. Nur so wird es auch möglich werden, den Geist Christi zu verbreiten und seine Liebe zu bezeugen. Pointiert gesagt: Ohne Bekehrung des Herzens kann es keinen überzeugenden Neuanfang geben! Wenn aber geistlich etwas in Bewegung gekommen ist, bleibt das nicht folgenlos! Zweifellos ist es die Gnade Gottes, die unserem Tun zuvorkommt. Und Jesus Christus ist es letztlich, der wen und wann er will, in seine Nachfolge ruft. Wer aber einen solchen Ruf hört, muss sich entscheiden, dafür oder dagegen, ist herausgefordert, ganz Gott zu vertrauen, sich von seiner Liebe erfüllen zu lassen – und dadurch gestärkt dann aufzubrechen und davon zu künden.

Auf welche Weise sollte das aber für jemanden, der in einem kirchlichen Dienst unterwegs sein wird, geschehen? Von einem zeitgenössischen Nichtchristen stammt das bittere Wort: “Es gibt zwei Arten von Hirten: diejenigen, die sich für die Wolle interessieren, und diejenigen, die sich für das Fleisch interessieren. Keiner interessiert sich für die Schafe.“ Diese Einschätzung passt gut in unsere Welt, in der Nutzen und Gewinn eine entscheidende Rolle spielen. Für viele hat das Hirtenbild, das das heutige Evangelium uns vor Augen stellt, seine Romantik verloren und ist keine Idealvorstellung mehr. Es gehört einer patriarchalischen Lebensform an, die heute weitgehend abgelehnt wird. Wer will noch Schaf sein oder zu einer Herde gehören? Wer will noch bevormundet, gegängelt oder ausgenutzt werden? Und doch halten viele nach jemandem Ausschau, an den sie sich anlehnen können, der sich für sie interessiert, Orientierung und Halt gibt, Mut macht und tröstet.

Hirten gab und gibt es viele. Im Alten Testament wurden Mose und David oder andere verheißene Führer des Volkes als solche angesehen, aber auch verantwortungslose Könige und Richter so bezeichnet. Von guten und schlechten Hirten war dabei die Rede. Vielfach wurde das Hirtenbild unmittelbar auf Gott bezogen. Im Neuen Testament ist der gute Hirte schließlich eine der verbreitetsten Bezeichnungen für Jesus Christus, in der christlichen Kunst dann die älteste Christusdarstellung überhaupt. Wenn wir in unserer postmodernen Gesellschaft immer noch von guten Hirten reden wollen, sollten wir nicht in Nostalgie verfallen, sondern gut überlegen, welche Bedeutung sich damit auch heute verbinden könnte. Keine Frage! Der eigentliche gute Hirte ist und bleibt zu allen Zeiten Jesus Christus selbst, nicht nur für die weißen, sondern auch für die schwarzen Schafe. Ihm liegen alle am Herzen. Er kennt jeden von uns und geht auch denen nach, die sich verirren. Das sollte niemand, der versucht, ihm nachzueifern, vergessen, für sich selbst und im Blick auf die anderen. Wenn jemand aber eine besondere Gabe hat oder einen besonderen Auftrag in der Kirche bekommt, sagt Paulus, ist beides dazu da, um anderen zu dienen. Dieses Dienen bedeutet immer wieder: wach sein für andere, darauf achten, was ihnen fehlt; da sein für die Müden, die Enttäuschten, die Suchenden; Brücken bauen, wo sich Gräben auftun. Dienen bedeutet: gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern nach den Spuren des Lebens suchen und für sie einstehen, mit ihnen und für sie den Himmel offenhalten.

Das gilt durchaus für alle Christen und Christinnen. Aber in der Kirche gibt es auch einen eigenen Stand, der dieses Dienen besonders sichtbar machen soll: den Diakonat. Er muss gleichsam ein Stachel in unserem Fleisch sein, im Fleisch der Kirche, damit wir nie vergessen: Wir alle sollen einander dienen und das Leben der Kirche so gestalten, dass sie eine dienende Kirche ist. Wir alle dürfen miteinander das Sakrament Jesu Christi sein. Das ist unsere Aufgabe, eine Gemeinschaft zu leben, in der Christus unter uns erfahrbar wird „als einer, der dient“. Und der Diakon ist ein personhaftes Zeichen, das auf den dienenden Herrn hinweist, den Herrn in unserer Mitte. Er weist darauf hin, dass Jesus Christus nicht nur in der Gestalt von Brot und Wein unter uns anwesend ist, sondern auch in den Menschen, die in Not sind. In der Begegnung mit ihnen begegnet uns Christus selbst und konfrontiert uns mit der Frage, ob wir in den Hungernden, Fremden und Kranken auch ihn erkannt und angenommen haben. Der diakonische Auftrag, „für Randgruppen … da zu sein, in Solidarität mit den Beladenen zu arbeiten, psychisch und physisch Vereinsamten mitmenschliche Beziehungen zu vermitteln“, wird auch mit der Priester- oder Bischofsweihe nicht weggewischt, sondern eher noch intensiviert.

Lieber Herr Allam, sie haben sich von Jesu Ruf locken und in seinen Dienst nehmen lassen. Heute werden Sie zum Diakon geweiht und im nächsten Jahr – so Gott will – zum Priester. Möge die Diakonatszeit für Sie mehr als nur ein Praktikum sein. Neuland liegt vor Ihnen. Bei allem aber, was auf Sie zukommt, dürfen Sie gewiss sein, dass der Auferstandene selbst Ihren Dienst begleitet. Mögen Sie zum Segen für viele werden, an Ihrer Berufung und Sendung wachsen und nie die Freude verlieren."

Quelle: Bistum Magdeburg, Pressestelle, presse@bistum-magdeburg.de, 0391-5961134


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