
WeihnachtsbotschaftenBischof wünscht sich Willkommenskultur
Weihnachten steht für Ankommen und Dazugehören: Bischof Gerhard Feige erinnert in seiner Weihnachtsbotschaft an die Willkommensbotschaft des Festes. Warum es dabei auch um sozialen Wohnungsbau geht.
Erscheinungsdatum: 24. Dezember 2025
Von Weihnachten geht laut Bischof Gerhard Feige eine große Willkommensbotschaft aus. „Christus im eigenen Leben eine Herberge zu geben, heißt zugleich aber auch, sich zu fragen: Für wen gibt es überhaupt Platz, in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt, in unserem Land? Wer gehört dazu?“, so Bischof Feige in seiner Predigt, die er am Heiligabend in der Magdeburger Kathedrale St. Sebastian gehalten hat. Die Frage sei präsent in Politik und Gesellschaft ebenso wie in Kirchen und Familien.
„Machen wir Platz für Menschen in unserem Land, in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche. Verpassen wir nicht die Chance, in ihnen Christus zu begegnen“, appellierte der Bischof. „Gott ist Mensch geworden - da, wo es niemand vermutet hat. Im Antlitz des Anderen können wir Gott begegnen - gerade auch im Antlitz dessen, für den in unserer Gesellschaft kein Platz zu sein scheint. Denn auch für Gott war an jenen Tagen kein Platz.“
Fehlender sozialer Wohnungsbau
Für jeden Menschen sei das Gefühl, einen Platz zu haben, dazuzugehören, von unschätzbarer Bedeutung, so der Bischof. Er kritisierte, dass der soziale Wohnungsbau vernachlässigt werde: „Mieten sind inzwischen so teuer, dass eine warme und trockene Wohnung zum Privileg statt zu einem Mindestmaß an Menschlichkeit geworden ist.“ Auch stelle sich die Frage, wo es noch ausreichend Platz in der Gesellschaft für Kinder, alte Menschen, Kranke, Bedürftige und Menschen mit einer Beeinträchtigung gebe. Zudem rief er zu einer offenen Willkommenskultur für Geflüchtete auf: „Die Unterscheidung 'wir und die anderen', 'die einen hier und die anderen dort' hat dann keine Bedeutung mehr.“
Feige erinnerte daran, dass Gott an Weihnachten in ganz einfachen Verhältnissen, als Kind in einer Futterkrippe, Mensch geworden sei. „Indem er unser Menschsein annimmt, nimmt er uns als Menschen an - ohne Rücksicht auf unser Ansehen, unsere Leistungsfähigkeit oder unsere Kaufkraft.“ Vor Gott sei das alles nicht relevant. „Bei ihm ist für alle Menschen Platz. Die Grenzen der Dazugehörigkeit werden verschoben“, so der Bischof.
Für wen ist Platz?
Christmette 2025
(Jes 9, 1-6 / Tit 2, 11-14 / Lk 2, 1-14)
Für wen gibt es Platz? Die Lesungstexte an Weihnachten drängen uns diese Frage förmlich auf. Gerade haben wir aus dem Lukasevangelium gehört: „Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (2,6f.) Diese wenigen Worte haben offenbar ausgereicht, im christlichen Brauchtum einen besonderen Stellenwert zu bekommen.
Das bezeugt jedenfalls ein altes Lied, das vor allem früher mancherorts im Advent gesungen wurde und oftmals auch mit einem szenischen Spiel verbunden war. Dialogisch erzählt es davon, wie Maria und Josef, die sich zur Volkszählung nach Bethlehem begeben haben, ein Quartier suchen und immer wieder auf Ablehnung stoßen:
„Wer klopfet an?“ – ruft da der Wirt und hört –
„Oh zwei gar arme Leut’.
Was wollt ihr denn?
Oh, gebt uns Herberg heut! Euch durch Gottes Lieb’ wir bitten, öffnet uns doch Eure Hütten!
Oh, nein, nein, nein!
Ach lasset uns doch ein!
Es kann nicht sein!
Wir wollen dankbar sein.
Nein, nein, nein, es kann nicht sein. Da geht nur fort, ihr kommt nicht rein!“
Viele sind davon tief angerührt worden, dass Josef und Maria, die kurz vor der Niederkunft stand, nirgendwo willkommen waren und dass das Kind deshalb ganz und gar armselig zur Welt kommen musste. Über all die Jahrhunderte hinweg haben sich gerade auch die Armen immer wieder mit diesem Schicksal identifizieren können. Sie fanden und finden Trost darin, dass Jesus mit seinen Eltern in dieser Weise zutiefst „einer von uns“ geworden ist.
Auch im Johannesprolog wird die Ablehnung Gottes durch die Welt ins Wort gehoben: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11) Gott kommt in seine Schöpfung, er wird Mensch wie wir, und doch findet er darin keinen Platz. Was aber kann das für uns über Rührung und Trost hinaus noch bedeuten, dass Gott auf dieser Erde nicht in überwältigender Macht und Herrlichkeit erscheint, sondern sich auf Quartiersuche begibt und keinen Platz findet?
Darauf haben schon die Kirchenväter der ersten christlichen Jahrhunderte eine Antwort versucht. Jesus Christus – so ihre Überzeugung – klopft auch an unserem Herzen an und bittet um eine Herberge. Im übertragenen Sinne ist also unser Herz der Ort, an dem er zur Welt kommen will. „Willst auch du“ – fragt zum Beispiel der heilige Augustinus – „sein Wohnsitz sein“? Und er fährt dann fort: „Glaube nicht, du könntest es nicht. Bereite ihm Raum in deinem Herzen, und er wird gerne darin thronen“. Wie aber könnte das geschehen? Sicher müssten wir zuerst einmal in uns aufräumen oder sogar ausmisten? Wovon sind wir doch oftmals besetzt oder sogar besessen!
Wie oft kreisen wir auch nur noch um uns selbst, lassen wir nichts mehr an uns heran, ist unser Herz kalt geworden! Vielleicht aber entdecken wir doch wieder jene Sehnsucht in uns, die letztlich nur durch Gott gestillt werden kann, hören wir, wie Jesus Christus an unser Herz anklopft, damit wir ihm öffnen und ihm Herberge gewähren. In diesem Sinne ist auch zu verstehen, wenn Angelus Silesius, der im 17. Jahrhundert gelebt hat, sagt: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.“
Christus im eigenen Leben eine Herberge zu geben, heißt zugleich aber auch, sich zu fragen: Für wen gibt es überhaupt Platz, in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt, in unserem Land? Wer gehört dazu? Mir fällt kaum ein Bereich ein, in dem diese Frage nicht präsent ist. Sie wird in Politik und Gesellschaft gestellt, in unseren Städten und Kommunen, in Kirchen und Familien. Vor allem wird dabei über Migration diskutiert: Wer darf kommen, wer bleiben, wer bekommt Schutz? Aus der Erhebung des Sachsen-Anhalt Monitors 2025 lässt sich entnehmen, dass „Ausländerfeindlichkeit […] deutlich oder knapp von der Mehrheit geteilt“ wird. „Besonders vulnerable Gruppen“, heißt es darin, „erfahren kaum Empathie oder Solidarität." Die fremdenfeindlichen Übergriffe haben in diesem Jahr sogar deutlich zugenommen.
Für jeden Menschen ist das Gefühl, einen Platz zu haben, dazuzugehören, von unschätzbarer Bedeutung, um sich selbst zu finden und wachsen zu können, um kreativ und engagiert am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und es mitzugestalten. Was heißt das aber, wenn eine immer größer werdende Zahl an Menschen keinen Platz zum Wohnen und kein Zuhause hat, weil der soziale Wohnungsbau vernachlässigt wird? Mieten sind inzwischen so teuer, dass eine warme und trockene Wohnung zum Privileg statt zu einem Mindestmaß an Menschlichkeit geworden ist. Wo gibt es noch ausreichend Platz in unserer Gesellschaft für Kinder, alte Menschen, Kranke, Bedürftige und Menschen mit einer Beeinträchtigung? Wo dürfen sie dazugehören, unabhängig davon, wie viel Leistung sie bringen können? Ja und was bedeutet das auch für uns als Kirche, für die Pfarreien und Gemeinden, wo sich oftmals nur die dazugehörig fühlen, die schon einen Platz haben? Wie halten wir es mit einer offenen Willkommens- und Begrüßungskultur?
Mich erinnert das an eine Erzählung aus der griechischen Mythologie, die uns der römische Dichter Ovid überliefert. In seinen Metamorphosen schreibt er von Baucis und Philemon, einem altgewordenen Paar, das inmitten einer Umgebung wohlhabender Menschen am Rande der Armutsgrenze lebt. Zwei Fremde sind in dieser Gegend unterwegs und suchen nach einer Möglichkeit, einzukehren und auszuruhen. „An tausend Türen“ – so schreibt Ovid – „pochten sie und baten um Unterkunft und Nachtlager; tausend Türen blieben verriegelt. Ein Haus nahm sie dennoch auf. Es war zwar nur klein und mit Stroh und Sumpfrohr gedeckt. Aber die fromme Greisin Baucis und der gleichaltrige Philemon hatten sich, als sie noch ganz jung waren, in dieser Hütte vermählt und waren darin alt geworden. Aus ihrer Armut machten sie kein Hehl und ertrugen sie ohne Murren.“ Baucis und Philemon teilten mit den Fremden alles, was sie hatten, schenkten Wärme und Gastfreundschaft. Was die beiden Alten nicht wussten: Der Besuch, den sie so herzlich aufnahmen und bewirteten, waren Jupiter und Merkur, zwei Himmelsbewohner. Hätten diese sich, wenn sie auch in den anderen Häusern gastfreundlich aufgenommen worden wären, früher zu erkennen gegeben?
Das war allerdings nicht ihre Absicht. Stattdessen wollten sie sehen, wo sie auf ein offenes Haus, ja ein offenes Herz stoßen – unabhängig von ihrer Stellung. Und darum geht es auch an Weihnachten: Gott ist Mensch geworden, in ganz einfachen Verhältnissen. Indem er unser Menschsein annimmt, nimmt er uns als Menschen an – ohne Rücksicht auf unser Ansehen, unsere Leistungsfähigkeit oder unsere Kaufkraft. Vor Gott ist das alles nicht relevant. Bei ihm ist für alle Menschen Platz. Die Grenzen der Dazugehörigkeit werden verschoben. Gott wird nicht im Zentrum der damaligen Welt Mensch, nicht in Rom oder Jerusalem, sondern in Betlehem, einer unbedeutenden Stadt am Rande des Geschehens. Das ist keine zufällige Randbemerkung in den Erzählungen von der Menschwerdung Gottes. Es weitet den Platz und die Möglichkeit der Zugehörigkeit aus, nimmt die mit hinein, denen lediglich der Platz am Rande der Gesellschaft zugewiesen wird. Die Unterscheidung ‚wir und die anderen‘, die einen hier und die anderen dort‘ hat dann keine Bedeutung mehr. Mich erinnert das an die Caritas-Kampagne, die wir in diesem Jahr in unserem Bistum eröffnen durften. „Da kann ja jeder kommen. Caritas öffnet Türen“, lautet ihr Motto. Das ist doch die Botschaft von Weihnachten: Aus Liebe zu den Menschen hat Gott durch seine Menschwerdung in Jesus Christus die Türen zu seinem Reich weit geöffnet und bezeugt: Da kann wirklich jeder kommen. Und bleiben.
An Weihnachten wird in vielen Familien der Tisch reich gedeckt, Stühle werden rangeschafft, damit alle Platz haben für Begegnung, Austausch und Erinnerung. Mancherorts nimmt man das Gebet „Komm Herr Jesus, sei unser Gast“ sogar in der Weise ernst, dass man für alle Fälle einen Platz freihält. Machen wir Platz für Menschen in unserem Land, in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche. Verpassen wir nicht die Chance, in ihnen Christus zu begegnen. Gott ist Mensch geworden – da, wo es niemand vermutet hat. Im Antlitz des Anderen können wir Gott begegnen – gerade auch im Antlitz dessen, für den in unserer Gesellschaft kein Platz zu sein scheint. Denn auch für Gott war an jenen Tagen kein Platz.
Das Evangelium konkret leben
In seiner Predigt am Ersten Weihnachtsfeiertag verwies Bischof Feige darauf, dass die Menschwerdung Jesu Christi jeder unverbindlichen oder rein spirituellen Religiosität widerspreche. Das Evangelium fordere uns dazu auf, Gott im konkreten Leben zu suchen – besonders im Nächsten, im Armen, Schwachen und Ausgegrenzten, so Feige. Weihnachten mache deutlich, dass jedes menschliche Leben eine unverlierbare Würde besitze und dass christlicher Glaube sich nicht im Reden über Werte erschöpfen dürfe, sondern sich in konkreten Taten der Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Solidarität und Weltverantwortung bewähren müsse. Daraus ergäben sich Konsequenzen für Gesellschaft und Kirche: Glaube und Welt, Theologie und Praxis dürften nicht getrennt werden, denn Gottes Nähe entscheide sich in den realen Lebensverhältnissen der Menschen. Weihnachten sei kein bloßes Erinnerungsfest, sondern eine Einladung, das Evangelium konkret zu leben und im Alltag sichtbare Zeichen der Hoffnung zu setzen.
Quelle: kna; Bistum Magdeburg, Pressestelle, presse@bistum-magdeburg.de, 0391-5961134











